Aus den ursprünglich religiösen Wurzeln des Fastens ist mittlerweile eine breite Bewegung geworden. Viele fasten heute wieder im Urlaub, im Alltag oder in Kliniken.

Der Fastenarzt Otto Buchinger prägte 1935 das Wort "Heilfasten". Damit knüpfte er an die Urtradition des religiösen Fastens an. Unter "Heil" verstand er sowohl körperliche Gesundheit als auch psychisch-seelisches Gleichgewicht. So drückte er durch die Wahl des Wortes aus, daß das Fasten mehrere Dimensionen hat: eine leibliche, eine psychisch-seelische und auch eine soziale, insbesondere beim Fasten in der Gruppe. Auch in der jüdisch-christlichen Tradition wurde Fasten nie isoliert durchgeführt, sondern ging immer mit Beten (spirituelle Dimension) und Almosen geben (mitmenschliche Dimension) einher. Das religiöse Fasten in der Zeit von Aschermittwoch bis Ostern verlor im Laufe der Jahre an Bedeutung und wurde schließlich ganz aufgegeben. Sicherlich hat dazu beigetragen, daß die Menschen früher zwangsweise fasten mußten und keine Rücksicht auf die Konstitution, den Gesundheitszustand und das Alter genommen wurde. Zudem konnten sich Wohlhabende von ihrer Fastenpflicht bei der Kirche freikaufen. Medizinisch unkorrektes, falsch durchgeführtes Zwangsfasten ist also aus guten Gründen ausgestorben.

 

Neue Fastenbewegung

Um die Jahrhundertwende lebte das Fasten jedoch als freiwilliger und therapeutischer Nahrungsverzicht wieder auf. In Europa, besonders im deutschsprachigen Raum, wurde die Fastenszene durch zwei Ärzte dominiert: Franz Xaver Mayr aus Österreich und Otto Buchinger aus Deutschland. Sie entwickelten Methoden des stationären Fastens und eröffneten Sanatorien, in denen sie ihre Fastentherapie durchführten. Auf Impuls einiger Fastenärzte wie Dr. Hellmut Lützner aus Überlingen wurde in den letzten 20 Jahren das Fasten auch für Gesunde zugänglich gemacht. Gesunde fasten heute im Urlaub, im Alltag oder auch im Rahmen von Wandertouren. Seit mehreren Jahren nimmt auch das religiöse Fasten wieder zu. In Kirchengemeinden bilden sich freiwillige Fastengruppen, besonders in der vorösterlichen Zeit, die sich meistens von Fastenärztinnen und -ärzten beraten lassen.

 

Der Königspinguin - ein Fastenchampion

Das Fasten hat zwar eine religiöse Tradition, ist aber primär eine physiologische Fähigkeit von Menschen und Tieren, die eine Fülle von therapeutischen Wirkungen aufweist. Die Natur fastet in unseren Breiten in gewisser Weise im Winter, das heißt, sie bringt periodisch keine Früchte mehr. Die meisten Tiere können diese Zeiten ohne Futter überbrücken, indem sie von ihren Körperreserven zehren. Einen der Weltrekorde im Fasten hält der Königspinguin. Er ist in der Lage, bis zu sechs Monaten pro Jahr bei antarktischer Kälte ohne Zufuhr von Nahrung zu verbringen. Mit modernster Analytik konnten Wissenschaftler genau nachvollziehen, welche Brennstoffe den fastenden Pinguinen zur Verfügung stehen. Dabei lassen sich drei Phasen unterscheiden: Während bei den zwei ersten Phasen eindeutig Fett als Hauptbrennstoff dient, wird in der dritten Phase vorwiegend Eiweiß zur Energiebereitstellung herangezogen.

Bereits in der Phase I wird neben Fett eine gewisse Menge Eiweiß mobilisiert, darauf folgt eine lange Phase II, in der der Eiweißabbau auf Sparflamme läuft. Wenn die Fettreserven beinahe erschöpft sind, verspürt der Pinguin ein unwiderstehliches Bedürfnis, die 60 Kilometer, die ihn vom Meer und seiner Hauptnahrung Fisch noch trennen, zu bewältigen. Dabei verbrennt er nicht nur die letzten Fetttropfen, sondern auch hochtourig Eiweiß. Dieser schnelle Eiweißabbau kann, solange er nur ganz kurz dauert, wieder völlig ausgeglichen werden. Wie sonst könnte der Königspinguin 20mal in seinem Leben diesen Zyklus durchführen? Er ist fähig, seine gesamte Eiweißmasse nach wenigen Tagen Nahrung wieder völlig herzustellen. Dieses Beispiel aus der Tierwelt verdeutlicht, daß Fasten alljährlich wiederholt werden kann – allerdings nur für eine begrenzte Zeit, die von Spezies zu Spezies unterschiedlich ist.

 

Eiweißabbau auf Sparflamme

Menschen haben einen vergleichbaren Fastenstoffwechsel wie die Pinguine. Sie fasten in der Regel allerdings nicht bis zur Phase III. Wenn die Nahrungszufuhr aussetzt, reichen in den ersten 24 Stunden die Glycogenreserven der Leber und der Muskulatur aus, um den Körper mit Energie zu versorgen. Anschließend wird Fett als Hauptbrennstoff aus den Depots mobilisiert, insbesondere für den Muskel-, Herz- und Nierenstoffwechsel. Außerdem wird eine geringe Menge an Proteinen über die Gluconeogenese zu Glucose umgewandelt, auf die das Gehirn als Brennstoff angewiesen ist. Folgende Durchschnittswerte vermitteln eine Größenordnung des Energiebedarfs: In den ersten Fastentagen werden täglich ca. 75-100 g körpereigenes Protein (ca. 400 kcal) zur Bereitstellung von Glucose abgebaut. Der übrige Energiebedarf wird durch Mobilisation von ca. 160 g Neutralfett aus dem Fettgewebe gedeckt (ca. 1600 kcal). Nach einigen Tagen ändert sich die Stoffwechselsteuerung. Das Gehirn ist nun imstande, die aus der Fettverbrennung entstehenden Ketonkörper zu verwerten. Damit wird der tägliche Glucosebedarf stark reduziert. Die für die Gluconeogenese benötigte Proteinmenge beträgt dann nur noch rund 20 g täglich, also ca. 100 kcal bzw. 3-5 % des täglichen Energiebedarfs.

Auch wenn dieser Eiweißabbau nur gering ist, kann dennoch bei mehrwöchigem totalem Fasten die lebensgefährliche Grenze erreicht werden, bei der 30-50 % des Gesamtkörpereiweißes abgebaut sind. Bei normalgewichtigen Personen tritt dies etwa nach 40 Fastentagen auf. Viel länger reichen die Fettreserven bei übergewichtigen Menschen aus. Sollen Adipöse über einen längeren Zeitraum fasten, ist es sinnvoll, zusätzlich Eiweiß zuzuführen, wie das bei Formula-Diäten der Fall ist. Formula-Diäten, auch VLCD (very low calorie diet) genannt, enthalten mindestens 50 g hochwertiges Eiweiß sowie die empfohlene Menge an Mikronährstoffen. Auch die Gabe von Kohlenhydraten während des Fastens, z. B. über Obstsäfte, drosselt den Proteinabbau.

 

Reicht die Vitaminversorgung aus?

Bei sehr langen Fastenperioden sollten zudem Vitamine und einige Mineralstoffe verabreicht werden. Aber auch bei kürzeren Fastenperioden können Zugaben von Mikronährstoffen sinnvoll sein, besonders wenn ein Verdacht auf Mangel besteht. Die heutige industriell verarbeitete Nahrung enthält häufig nur noch wenige dieser lebensnotwendigen Stoffe. Zusätzlich unterwerfen sich viele Menschen über Jahre hinweg einseitigen Diäten. Der Bedarf an einigen Vitaminen und Mineralstoffen kann auch durch Rauchen, Alkoholkonsum, Schwangerschaft und Stillzeit oder die ständige Einnahme von Abführmitteln erhöht sein. In solchen Fällen könnte das Fasten die bereits bestehende Verarmung verstärken, obwohl der fastende Organismus sparsamer mit seinen Depots umgeht. Zudem wird der Bedarf einiger Mikronährstoffe reduziert, da Verdauungsvorgänge und bestimmte Stoffwechselreaktionen nur mit geringer Intensität ablaufen. Einige Fastenärzte und die meisten Adipositas-Experten, die von mehrwöchigen Fastenperioden ausgehen, empfehlen eine pauschale Gabe von Mikronährstoffen und Eiweiß. Andere Fastenärzte ziehen es vor, den Bedarf zunächst individuell einzuschätzen. Bemerkenswert ist, daß die immer wieder zitierten Todesfälle bei extremen Reduktionsdiäten durch schlechte Formula-Diäten (liquid protein diet) oder Magersucht verursacht wurden und nicht durch das traditionelle Fasten.

 

Fachkundige Betreuung

Jede Fastenschule bietet heute verschiedene Modifikationen des Fastens an: Neben Tee und Wasser werden beim Buchinger-Fasten Gemüsebrühe, Obstsäfte und Honig, bei F.X. Mayr Milch und Semmeln und bei Schroth-Kuren Getreidebrei gegeben. Andere Fastenvarianten beinhalten Molke, Ahornsirup und Zitrone oder anderes. Das Entscheidende am Fasten sind aber nicht nur die Zusätze. Diese sind mehr eine Frage der individuellen Verträglichkeit und der Ausgangsbedingungen. Solange sie unter 500 kcal pro Tag liegen, führen sie in der Regel zu den erwünschten Fastenwirkungen. Viel wichtiger ist, daß die Fastentherapie methodisch richtig durchgeführt wird. Ruhe und Abstand vom Alltag sind wesentliche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Nahrungsverzicht. In Einzelfällen und mit entsprechender Einbindung in eine Gruppe kann jedoch auch berufsbegleitendes Fasten gut gelingen. Maßgebend ist in beiden Fällen eine fachkundige Betreuung. Sie ist optimal durch entsprechend ausgebildete Ärztinnen und Ärzte gegeben. Bei kürzeren Fastenperioden für Gesunde können diese allerdings im Hintergrund bleiben und andere Therapeuten oder fachkundig ausgebildete Laien die Betreuung übernehmen.

Von größter Bedeutung ist die Planung von Anfang und Ende des Fastens. Die Einstimmung auf das Fasten kann eine Woche vorher beginnen mit einer kalorienreduzierten Nahrung möglichst ohne Fleisch, Kaffee, Alkohol und Zigaretten sowie wenig Streß. Der Ausstieg sollte bereits während des Fastens vorbereitet werden, z. B. durch eine ernährungs- und verhaltenstherapeutische Schulung. Die Aufbauzeit sollte mindestens vier Tage betragen. Bei bestimmten Krankheiten wie z. B. der Polyarthritis kann eine anschließende vegane oder vegetarische Ernährung die therapeutische Wirkung des Fastens verlängern.

 

Heilfasten ist keine Crash-Diät

Zur richtigen Durchführung des Fastens gehört Bewegung, Darmhygiene, Ruhe und ausreichendes Trinken. In der Fastenklinik ist das Fasten in ein multidisziplinäres Konzept eingebettet mit Physiotherapie, Psychotherapie, verschiedenen naturheilkundlichen Verfahren wie Atemtherapie, Akupunktur, Homöopathie sowie Autogenem Training und Meditation. Ein umfangreiches Schulungs- und oft auch Kulturprogramm ergänzen das Angebot. Hierin besteht der wesentliche Unterschied zwischen einer Fasten-therapie und Crash-Diäten, wie sie die meisten Formula-Diäten oder reine Hungerperioden darstellen. Letztere finden meist ohne spezielle Betreuung oder Begleitprogramm statt und bringen den Beteiligten eher Streß und Frust.